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Forum des Musikinstrumentenmuseums Markneukirchen
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BeitragVerfasst: Do 15. Feb 2018, 17:12 
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Registriert: Do 15. Feb 2018, 17:00
Beiträge: 5
Hallöchen :)

Ich habe vor kurzem ein altes Cello von 1832 (?) mit Namen "Franz Anton Wild - Brünn" erstanden.
Man sieht, dass es einiges durchmachen musste, im laufe der vielen Jahre; wurde auch schon hier und da repariert. Was mir aber besonders auffiel, dass das Cello keine Seiteneinlagen hat. Zuvor habe ich sowas noch nie gesehen.
Leider konnte mir bisher auch niemand dazu etwas sagen. Mich würde interessieren, ob es sein Baustil war (selbst über Herrn Wild findet man nicht viel raus; nur dass er ein paar Jahre in Markneukirchen gearbeitet haben soll)?

Ich dachte, jedes Cello braucht solche Seiteneinlagen und spräche ebenso für die Qualität.
Was den Klang angeht bin ich sehr begeistert. Es klingt sehr warm und harmonisch. Die Töne sind voll und satt. Ich liebe es darauf zu spielen!

Nun erfuhr ich, dass Franz Anton Wild schon 1803 gestorben sei. Somit kann er es schonmal nicht selbst gebaut haben. Ein zweiter Zettel im Cello zeigt, dass es 1901 nochmal geöffnet und scheinbar repariert worden ist.
Mehr Infos habe ich dazu leider nicht. :(


Ich freue mich über Hinweise und Antworten :)


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BeitragVerfasst: Mi 14. Mär 2018, 19:59 
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Geigenbaumeister

Registriert: Do 02. Feb 2006, 11:16
Beiträge: 472
Wohnort: Markneukirchen
Hallo Cellona,

zu Franz Anton Wild sind in der Fachliteratur doch mehr Dinge zu erfahren, als bei vielen anderen Geigenbauern des 18. Jh. Die Geburt 1738 in Markneukirchen wird in mehreren Büchern aufgeführt, aber ohne Quelle. Da die Kirchenbücher vor 1748 leider einem Stadtbrand zum Opfer fielen, wird der Nachweis auch kaum möglich sein.

Franz Anton Wild ist tatsächlich 1803 verstorben und zwar am 4. Juli, dies kann anhand des Sterbebuch- Eintrags auf http://actapublica.eu sogar verifiziert werden. Der Zettel kann also keinesfalls stimmen. Es ist auch kaum anzunehmen, daß einer seiner Söhne Ignaz Andreas und Johann Georg, die er beide selbst ausgebildet hat, so lange nach dem Tod des Vaters noch seinen Zettel verwendet haben sollte.

Jalovec schreibt, was auch nicht gerade häufig vorkommt, einige Charakteristika der Instrumente Wilds: „Hochgewölbte, gut gearbeitete Geigen, jedoch von scharfem Ton. Die Ziereinlage ist nicht immer schön und ziemlich breit. Verwendete gelbbraunen Öllack.“

In „Umění Houslařů“ von Pilař und Šrámek ist eine Geige von Franz Anton Wild abgebildet, die zumindest den sehr breiten Einlagespan belegt. Ich selbst kenne leider kein authentisches Instrument aus eigener Ansicht.

Zur Frage fehlende Einlage: Das kann zwar meist als Zeichen für eine einfache Arbeit gelten, aber Ausnahmen bestätigen die Regel, so gibt es z.B. schöne englische Instrumente ohne Einlage.

Letztendlich wird, wenn überhaupt, nur ein erfahrener Geigenmacher einschätzen können, woher das Cello stammt oder gar, wer es gebaut hat. Hier die Liste der Markneukirchner Kollegen.

Mit freundlichen Grüßen

Udo


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BeitragVerfasst: Mi 14. Mär 2018, 21:14 
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Geigenbaumeister

Registriert: Do 02. Feb 2006, 11:16
Beiträge: 472
Wohnort: Markneukirchen
Hallo Cellona,

noch als Ergänzung: Just ein Franz Anton Wild- Geigenzettel mit der Jahreszahl 1832 ist auch in der Literatur zu finden! Da hat wohl ein falscher Zettel Einzug in ein Buch gefunden und gerade der wurde dann vielleicht für das Cello kopiert? Lustig oder traurig - wie man es lieber sehen mag...

Gruß

Udo Kretzschmann


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BeitragVerfasst: Mo 09. Apr 2018, 9:03 
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Registriert: Do 15. Feb 2018, 17:00
Beiträge: 5
Vielen lieben Dank, lieber Udo :)
Das hat mir sehr weitergeholfen. Das sind ja doch einige Infos, damit hätte ich nicht mehr gerechnet. Wirklich sehr spannend, auch etwas schade, wenn es doch nicht so alt sein sollte. Der Lack ist in der tat gelblich, ölig; komisch zu beschreiben. Sieht aber sehr schön aus. :))

Das ist ja spannend. Kann man das tatsächliche Alter noch feststellen? Die C14-Methode wird hier ja nicht greifen :D
Es ist noch ein weiterer Zettel im innern der von 1901 ist. Es wurde auch schon repariert (Risse, Ränder an den Seiten ausgebessert). wäre es möglich, dass dann der 2. Zettel das Baujahr sein könnte und nicht das "Reparaturjahr" (wie ich bisher dachte)?

Liebe Grüße und nochmals vielen Danke!
Cellona :wink:


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BeitragVerfasst: Mo 09. Apr 2018, 10:48 
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Registriert: Do 15. Feb 2018, 17:00
Beiträge: 5
Ich habe eben nochmal den Auszug im Netz gesucht, in dem stand, dass er angeblich bis 1834 gelebt hat. Nun fand ich weibsite mit den Daten: https://tarisio.com/cozio-archive/brows ... r_ID=14769
Kann es zwei Franz Anton Wilds gegeben haben? Das ist recht undurchsichtig. :tomato:

Ich suche nochmal den anderen Auszug...


Liebe Grüße,
Cellona :)


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BeitragVerfasst: Mo 09. Apr 2018, 12:45 
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Geigenbaumeister

Registriert: Do 02. Feb 2006, 11:16
Beiträge: 472
Wohnort: Markneukirchen
Hallo Cellona,

also wenn man einem Original- Kirchenbuch- Eintrag nicht mehr trauen möchte, welchen Quellen sollte man denn dann noch Vertrauen schenken können?!

Klar könnte es theoretisch noch einen zweiten Franz Anton Wild gegeben haben, da aber zwei Geigen bauende Söhne überliefert sind, kann ich mir einen dritten undokumentierten kaum vorstellen. Da scheint mir die Möglichkeit einer bewußt falschen Jahreszahl auf Zetteln viel wahrscheinlicher, wann und warum dies auch immer gemacht sein mag.

Wie schon gesagt, es gibt soo viele Geigenmacher, zu denen man nur äußerst wenig weiß - und nachweisen kann, da ist das bei Franz Anton Wild eher nicht undurchsichtig, sondern das Gegenteil.

Woher Tarisio das angegebene Sterbejahr hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich schätze aber aus einem der Standard- Werke, deren Autoren vielfach die Angaben wiederum aus den Werken ihrer Vorgänger übernommen haben. Und das ist wohl auch legitim so und ich schaue bei Forumsanfragen natürlich auch erst mal in meine Bibliothek, was da zu finden ist. Daß die Brünner Kirchenbücher über actapublica.eu eingesehen werden können, ist halt ein großer Glücksfall - und bislang eher die Ausnahme.

Wie sieht es denn mit einem Besuch beim Geigenmacher aus, ich hatte doch einen Link zur Liste mit geschrieben? Und ein Foto vom Zettel haben wir auch noch nicht gesehen. Vielleicht kann ich dann ja definitiv bestätigen, daß der aus dem Buch stammt?

Zur Altersbestimmung gibt es die Möglichkeit der Dendrochronologie, die angeben kann, wann ein Baum noch lebte. So kann beispielsweise eine Geige definitiv nicht 1850 gebaut worden sein, wenn die Decke noch Jahresringe von 1880 zeigt.

Schöne Grüße

Udo


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BeitragVerfasst: Di 10. Apr 2018, 10:39 
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Registriert: Do 15. Feb 2018, 17:00
Beiträge: 5
Danke abermals für deine Unterstützung, lieber Udo :)

Kirchenbücher zweifele ich nicht an, nur das Netz :D Das klingt natürlich pausibel, da stimme ich dir vollkommen zu!

Das Cello möchte ich auf jeden Fall schätzen lassen, einfach weil ich neugierig bin und die Geschichte dahinter kennen möchte.
Ich habe dir auch ein Foto vom Zettel gemacht, du kannst es hoffentlich erkennen und 2 Bilder vom Cello. Es wurde schöner ordentlich repariert und die Ecken sind sehr abgenutzt. Der Klang ist einfach toll! Ich mag meinen alten "Cello-Opa" sehr :blush:

Danke auch für die Liste!
Da werde ich auf jeden Fall weiter rumfragen. 2 hatte ich schon gefragt, hier aus der "Nähe". Ich lebe recht ländlich und die nächste Stadt ist ca. 1h entfernt.

Das mit der Dendrochronologie kannte ich noch gar nicht. Das ist ja spannend! Sowas kann man sicher anhand von Bildern bestimmen, nehme ich an?

Viele Grüße und nochmal ein herzlichen Dankeschön! :)
Cellona


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BeitragVerfasst: Di 10. Apr 2018, 10:54 
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Registriert: Do 15. Feb 2018, 17:00
Beiträge: 5
So, nach einigen Umwandlungsversuchen, die Bilder :pardon:


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Bildschirmfoto 2018-04-10 um 11.44.19.jpg
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