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Stelzner
SUMMIT CHAMBER PLAYERS vor der Vitrine der Alfred Stelzner Instrumente, mit der Leiterin des Musikinstrumenten-Museums Frau Eichler (3.v.r.)

Tatsächlich wurde hier ein nicht gewöhnliches, bisher nirgendwo zu bekommendes und damit wirklich exklusives Hörerlebnis obendrein auch noch gratis angeboten.
Sechs amerikanische Musiker, die alle als Professoren an den Universitäten von Wyoming und South Dakota unterrichten, gründeten die Summit Chamber Players, um eine ganz spezielle Musik auf inzwischen völlig vergessenen Instrumenten des deutschen Gelehrten Alfred Stelzner (1852-1906) zu erarbeiten und wieder aufzuführen.
Wegen einsetzenden Regens fand das Konzert nicht wie vorgesehen im Hof, sondern in der Schuster-Diele des Museums sehr beengt, aber in schöner Intimität statt, die der mehr kammermusikalischen Ausstrahlung der Instrumente vollkommen entsprach.

So diente der hölzerne Dielenboden noch als zusätzlicher Resonanzkörper und ermöglichte damit um so besser die Demonstration der klanglichen Eigenschaften dieser  bemerkenswerten Instrumente.
Alfred Stelzner, der selbst Geige und Klavier spielte, in Mathematik und Physik promovierte und an akustischen Problemstellungen arbeitete, wollte die traditionelle Familie der Geigen (Violine, Bratsche, Cello, Kontrabass) erweitern und tonlich verbessern.
Er erfand eine Form, die nicht den Kreis sondern die Elipse zur Grundlage hat. Auch dem Zargenkranz gab er eine Elipsenform, was zur Folge hat, dass Decke und Boden gegeneinander gespannt aufgeleimt werden müssen. Oberstock und Unterstock laufen also spitz zu, und damit erhalten die Instrumente eine Art Bootsform. Eine Besonderheit findet sich auch an den F-Löchern: sie enden in einer Flammenverzierung. Selbst baute der Erfinder die Instrumente jedoch nicht, er gab sie bei den Geigenbaumeistern Richard Weidemann und August Paulus (der mit den Bogenmachern gleichen Namens nicht verwandt ist) in Auftrag.

Das übliche Streichquartett erweiterte Stelzner mit der Violotta, einem sehr kleinen Cello (eine Oktave unter der Geige), die aber wie eine Bratsche gehalten wird, und dem Cellone (eine Oktave unter der Violotta, also eine Quarte tiefer als das Cello), das die Länge des Cellos, aber einen tiefer gebauten Korpus und damit fast schon Kontrabassqualitäten besitzt.

Musiker wie Joseph Joachim und Eugene Ysaye bewunderten diese Instrumente  sehr und es gab sogar ausschließlich ihnen gewidmete Kompositionswettbewerbe. Weltweit existieren nur etwa 300 Originalinstrumente, ein paar wenige auch in Deutschland und ein kompletter Satz sogar im hiesigen Musikinstrumenten Museum. In Sammlerkreisen gelten sie als Rarität, liegen aber meist in Vitrinen und werden nicht gespielt, was die Cellistin der Summit Chamber Players, Frau Barbara Thiem, ausdrücklich sehr bedauerte. So bedankte sie sich besonders beim anwesenden Geigenbaumeister Udo Kretschmann für die Nachbauten, die dieser nach den Originalen der Markneukirchner Sammlung extra gefertigt hatte. Das Cellone stellte freundlicherweise Herr Christoph Arp aus Hamburg zur Verfügung.

Dem persönlichen Engagement der sechs amerikanischen Musiker und dem Arzt Dr. James Christensen aus Iowa City ist es zu danken, dass auch in Deutschland jetzt die Stelzner-Instrumente endlich wieder erklingen. Das Notenmaterial aufzufinden, gestaltete sich äußerst schwierig, weil nur in den Jahren um 1900 und von sehr wenigen Komponisten Musikstücke für sie geschrieben wurden.
Es gibt kaum Kammermusik-Ensemble, deren Mitglieder Instrumente nur eines Baumeisters spielen. Das liegt natürlich zuerst daran, dass die Musiker schon Instrumente verschiedener Meister besitzen, ehe sie gemeinsam musizieren. Zudem herrscht heute ein Klangverständnis vor, das mehr auf Unterschiede und Kontraste setzt. Es entspricht unseren Hörgewohnheiten nicht, wenn etwa ein Streichquintett ein völlig einheitliches und harmonisches Klangbild aufweist. Üblicherweise wird darauf geachtet, dass z.B. zwischen erster und zweiter Geige ein klar hörbarer Unterschied im Charakter besteht. Wenn nun auf Instrumenten mit völlig gleicher Klangqualität gespielt wird, stellt das an die Musiker sehr hohe Anforderungen hinsichtlich ihrer persönlichen Ausdrucks-

möglichkeiten. Denn nur durch unterscheidbare musikalische Temperamente der Spieler kann hier differenziert und spannend musiziert werden. Dies wurde im Laufe des interessanten Konzertabends deutlich vorgeführt.Sehr sympatisch in diesem Zusammenhang der fliegende Wechsel der beiden Geiger, wodurch eben die Klangähnlichkeit der Instrumente und dagegen die Unterschiedlichkeitin der Handhabung derselben gut gezeigt werden konnten. Während Frau Naomi Gjevre einen in sich abgerundeten schönen Klang bevorzugte, versuchte Herr Javier Pinell das Klangspektrum durch etwas "härtere" Bogenarbeit und ein zuweilen heftiger eingesetztes Vibrato zu erweitern, was dem eher weich klingenden Instrument durchaus eine männliche Note gab.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Stelzner- Instrumente, bei insgesamt homogener Klangentwicklung und -farbe, einer gerade der romantischen Musik entsprechenden war-men Tiefe, in den Höhenlagen jedoch an Strahlkraft wesentliches vermissen lassen. Starke dynamische Unterschiede sind offenbar schwer darstellbar, auf ein richtiges Forte oder gar Fortissimo muss der Hörer verzichten. Alle spielerische Emphase wirkt daher eher intim. Hierin sind wohl die Hauptursachen zu sehen, warum sich diese Instrumente haben letztlich (noch?) nicht durchsetzen können. Mit Einsetzen der Moderne am Anfang des 20. Jahrhunderts und dem damit verbundenen grundsätzlichen Wandel der europäischen Kultur begann eine Epoche, wo auch in der  Musik Extreme und Grenzüberschreitungen oft mehr interessierten als Wohlklang und Harmonie. Auch im Orgelbau beginnt man sich erst jetzt wieder für die typisch romantische Klangwelt zu interessieren, nachdem über Jahrzehnte viele Orgeln modernisiert wurden und so einem vereinheitlichenden Zeitgeschmack zum Opfer fielen. Können die Stelzner-Instrumente, trotz der beschriebenen klanglichen Einschränkungen womöglich auch auf eine kleine Renaissance hoffen, oder landen sie erneut in den Vitrinen?

Im Gegensatz zur Menge vorhandener romantischer Orgelliteratur, ist an originalen Kompositionen für diese speziellen Instrumente so gut wie nichts vorhanden. Vielleicht schlummert ja das eine oder andere Stück noch in diversen Archiven.

Die Summit Chamber Players stellten in ihrem Programm zwei Komponisten vor, die für Stelzner-Instrumente geschrieben haben: Felix Draeseke (1835-1913) und Arnold Krug (1849-1904). Ersterer unterrichtete nach 1884 an der Dresdner Musikhochschule und war von der Neudeutschen Schule und Richard Wagner beeinflußt. Letzterer nahm als Meyer-beer-Stipendiat eine Stelle an der Hamburger Musikhochschule an und schrieb vor allem Chorwerke im Stil der Brahmsschen Romantik, wandte sich strikt gegen Wagner, tendierte jedoch schon zu Dvorak hin. 

In Markneukirchen kam ein Quintett in A-Dur von Felix Draeseke zur Aufführung, dasauf die Mitwirkung des Cellone verzichtet und einen angenehmen Gesamteindruck hinterließ. Die vier Sätze entfalteten eine Art traditionell-romantischen Grundgestus, der bei aller Musizierfreude der Akteure jedoch in den Tempi und Phrasen etwas zu ähnlich blieb. Unbeabsichtigt kamen auch Dissonanzen durch Auseinanderdriften ins Spiel, die allerdings gar nicht als Unglück aufgefasst werden mussten, vielmehr in ihrer Zartheit verblüfften - und auf mehr noch hoffen ließen. Zwischen den Zeilen klang damit - eigentlich nur aus Versehen - die Möglichkeit an, moderne Kompositionen für diese Instrumente zu schreiben. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn junge Komponisten sich ihrer annähmen, da selbst außereuropäische Instrumente ja längst im klassischen Orchester freie Verwendung finden. Vielleicht vermag die Konzertreise der Summit Chamber Players unter den Berufskollegen Neugier zu wecken und dafür Anstöße zu geben.

Nach einer Pause, die zu intensivem Gespräch genutzt wurde, erklang dann das Sextett in D-Dur, op.68, von Arnold Krug. Die Hinzunahme des Cellone überzeugte sofort, auch wenn die tiefen Instrumente dadurch dominierten (erst recht, wenn beide Bassinstrumente parallel geführt wurden). Jetzt befanden sich die Musiker so richtig in ihrem Element und es verschmolz die deutsche Romantik mit ihrer amerikanischen Schwester derart vollständig, wo der gesamte Klangreichtum des Stelznerschen Instrumentariums voll zur Geltung gebracht wurde. In den rhythmisch zupackenden Passagen der Ecksätze und im Wechsel zwischen interessant gestuften Läufen, unisono-Stellen, unerwartet einbrechenden Pausen und leicht von Stimme zu Stimme gehender Cantilenen, kommt eine Eigenart des Komponisten hervor, die schon den amerikanischen Dvorak andeutet und nach dem 20. Jahrhundert hin drängt. Wundert es da noch, dass ausgerechnet amerikanische Musiker uns Deutschen diese Musik und ihre schönen Instrumente zurückbringen möchten und dafür so viel Zeit, Kosten und Arbeit investierten? Dankbar spendete das Publikum den Freunden aus Amerika herzlichen Beifall und wurde mit der Transkription eines Klavierstückes von Felix Draeseke als Zugabe bedacht, bei der gerade die Violotta nochmals deutlich zur Geltung kam. Es bleibt zu hoffen, dass auch die Musikwissenschaft sich dem hier vorgestellten, lange vergessenen und zumindest doch recht eigenwilligen Teils eines nicht allzu lange zurück liegenden Kapitels der deutschen Musikgeschichte ebenfalls annimmt.

Frank Thomas Gerdes
Gürth, im Juni 2005

   
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