

Die Gitarren-Sammlung des Musikinstrumenten-Museums Markneukirchen
Christof Hanusch
Die sechssaitige Gitarre
„Guitarre. Ein Saiteninstrument, welches in Ansehung der Behandlung unter die Gattung der Laute oder Zither gehört, sich aber in Rücksicht auf das Corpus sowohl von der Laute, als auch von der gemeinen Zither sehr merklich auszeichnet. Das Corpus der Guitarre, hat eine flache Resonanzdecke und keine f-Löcher, sondern in der Mitte ein rundes Schalloch. Der Boden ist ebenfalls flach, und die Zarge nach dem Verhältnisses der Größe der Decke und des Bodens höher, als bey den Geigenarten. Die Größe des Corpus hält ohngefähr das Mittel zwischen einer Violine und einem Violoncell. Der Hals der Guitarre ist breit, und auf dem Griffbrette sind die Tongriffe mit sogenannten Bunden bezeichnet, die aber von Elfenbein in das Griffbrett eingelegt sind. Oben an dem Halse befindet sich anstatt des Wirbelkastens ein flaches, rückwärts gerichtetes Bretchen, in welchem die Wirbel laufen. Der Steg welcher breit und stark, aber sehr niedrig ist, wird auf der Resonanzdecke angeleimt. Das Instrument ist mit sechs Saiten bezogen; […] Die Stimmung dieser Saiten ist, G A d g h e ; Einige beziehen das Instrument auch nur mit fünf Saiten, die sie in die Töne a d g h e stimmen) sie werden, indem die linke Hand die Töne greift, mit den Fingern der rechten Hand, so wie bey der Laute, gerissen, und das Instrument wird an einem Bande hängend, welches über die Schulter gezogen wird, unter dem rechten Arme gehalten.
Die Guitarre ist besonders zur harmonischen Begleitung des harmonischen Gesanges geeignet, und wird am gewöhnlichsten und häufigsten in Spanien gebraucht. Bey uns hat sie sich seit einiger Zeit zum Lieblinginstrument der Damen zu erheben gewußt. …“
Aus: Musikalisches Lexikon, welches die theoretische und praktische Tonkunst, encylopädisch bearbeitet, alle alten und neuen Kunstwörter erklärt, und die alten und neuen Instrumente beschrieben enthält, von Heinrich Christoph Koch, Fürstl. Schwarzburg-Rudolstädt. Kammer-Musikus. Frankfurt am Main, bey August Hermann dem Jüngern. 1802.
Aus der mit fünf „Chören“ (Saitenpaaren) besaiteten Barockgitarre entwickelte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts fast zeitgleich in Frankreich, Italien und Deutschland das Instrument, das heute gemeinhin als „Gitarre“ bezeichnet wird. Nachdem die Besaitung aus spieltechnischen und klang-ästhetischen Gründen erst auf fünf einzelne Saiten umgestellt worden war, kam schon kurze Zeit später eine sechste Saite hinzu. Innerhalb von nur etwa zwei Jahrzehnten etablierte sich die Stimmung E - A - D - g - h - e‘ im gesamten mitteleuropäischen Raum. Diese Stimmung ist bis heute der Standard für sechssaitige Gitarren.
Anfänglich wurden Gitarren (genau wie Streichinstrumente) mit einem Korpus aus Ahorn und einer Fichtendecke gefertigt. Für exquisitere Instrumente begann man etwas später auch exotische Edelhölzer, wie Mahagoni oder brasilianischen Palisander (genannt auch „Rio-Palisander“ oder „Jacaranda“) zu verwenden.
Bei einfacheren Gitarren dienten zum Stimmen hinterständige Holzwirbel. Die Ausstattung mit mechanischen Stimmvorrichtungen blieb bis zur Zeit der Industrialisierung ein kostspieliger Luxus.
Die drei hohen Saiten (Diskant) waren ursprünglich aus Darm (vom Schaf), die Basssaiten bestanden aus mit Metalldraht umsponnener Seide. Heute werden normalerweise Kunststoffe wie Nylon oder Carbon verwendet, sowohl für die Diskantsaiten als auch für das Innere (die sogenannte „Seele“) der Basssaiten.
Parallel zu den in Mitteleuropa verbreiteten schmalen italienischen und französischen sowie den breiteren und stark taillierten Wiener Modellen entwickelte sich in Spanien nach 1850 eine neue Art der Gitarre. Dieser Typ wurde sowohl nach Form und Größe als auch wegen seiner Klangeigenschaften im 20. Jahrhundert zum idealen Vorbild für die moderne Konzertgitarre. » Weiterlesen

