Abb. verschiedene Gitarren-Modelle aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts V.l.n.r.: G.B. Fabricatore, Neapel 1804; anonym, A. Claudot zugeschr., Mirecourt um 1810, Johann Rudert, Warschau
1829, Wiener Modell, anonym, Vogtland um 1830 mit Etikett von Andreas Engleder, München.
Aus der mit fünf „Chören“ (Saitenpaaren) besaiteten Barockgitarre entwickelte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts fast zeitgleich in Frankreich, Italien und Deutschland das Instrument, das heute gemeinhin als „Gitarre“ bezeichnet wird. Nachdem die Besaitung aus spieltechnischen und klang-ästhetischen Gründen erst auf fünf einzelne Saiten umgestellt worden war, kam schon kurze Zeit später eine sechste Saite hinzu. Innerhalb von nur etwa zwei Jahrzehnten etablierte sich die Stimmung E - A - D - g - h - e‘ im gesamten mitteleuropäischen Raum. Diese Stimmung ist bis heute der Standard für sechssaitige Gitarren.
Anfänglich wurden Gitarren (genau wie Streichinstrumente) mit einem Korpus aus Ahorn und einer Fichtendecke gefertigt. Für exquisitere Instrumente begann man etwas später auch exotische Edelhölzer, wie Mahagoni oder brasilianischen Palisander (genannt auch „Rio-Palisander“ oder „Jacaranda“) zu verwenden. Bei einfacheren Gitarren dienten zum Stimmen hinterständige Holzwirbel. Die Ausstattung mit mechanischen Stimmvorrichtungen blieb bis zur Zeit der Industrialisierung ein kostspieliger Luxus.
Die drei hohen Saiten (Diskant) waren ursprünglich aus Darm (vom Schaf), die Basssaiten bestanden aus mit Metalldraht umsponnener Seide. Heute werden normalerweise Kunststoffe wie Nylon oder Carbon verwendet, sowohl für die Diskantsaiten als auch für das Innere (die sogenannte „Seele“) der Basssaiten.
Parallel zu den in Mitteleuropa verbreiteten schmalen italienischen und französischen sowie den breiteren und stark taillierten Wiener Modellen entwickelte sich in Spanien nach 1850 eine neue Art der Gitarre. Dieser Typ wurde sowohl nach Form und Größe als auch wegen seiner Klangeigenschaften im 20. Jahrhundert zum idealen Vorbild für die moderne Konzertgitarre.
„Westerngitarren“, wie sie im frühen 20. Jahrhundert von der amerikanischen Firma C.F. Martin & Co. eingeführt wurden, sind mit Stahlsaiten bezogen. Die höhere Spannung von Saiten aus Metall setzt eine stabilere Konstruktionsweise der dafür vorgesehenen Gitarrenmodelle voraus.
Christian Friedrich Martin (1796 – 1873) stammte aus einer Markneukirchner Tischlerfamilie. Sein Vater Johann Georg (1765 – 1832) war zwar nicht der Erste, der in „Neukirchen“ Gitarren herstellte, aber er ist zumindest der erste amtlich dokumentierte Gitarrenmacher (1807). Christian Friedrich lernte sein Handwerk in der hoch angesehenen Werkstatt von Johann Georg Stauffer in Wien. Nachdem er dort bis zum Vormeister aufgestiegen war, ging er erst um 1828 zurück nach Markneukirchen, bevor er 1833 in die USA auswanderte. In diesem Jahr gründete er in New York die heute weltberühmte Firma „C.F. Martin & Co.“.
Gitarre C.F. Martin & Co, Modell HD 28, Nazareth, Pa (USA) 1993 (MMM 5030)
Die Kollektion der Gitarren des Musikinstrumenten-Museums Markneukirchen vermittelt mit verschiedenen Sammlungsschwerpunkten einen kurzen Abriss der mitteleuropäischen Geschichte des Gitarrenbaus. Neben einigen sehenswerten und historisch bedeutenden Exponaten aus anderen Zentren des Gitarrenbaus (Italien, Frankreich, Russland und Spanien) dokumentiert der größte Teil der Sammlung den deutschen Gitarrenbau vom Anfang des 19. bis zur 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kernstück der Sammlung sind die Instrumente aus dem Vogtland.
Die ersten vogtländischen Gitarren entstanden in Markneukirchen um das Jahr 1800, nur wenig später begann man auch in Klingenthal Gitarren zu bauen. Waren es anfänglich Geigenmacher, die sich mit dem Bau des neu in Mode gekommenen Instrumentes befassten, fingen schon kurz danach einige Markneukirchner Tischler an, ebenfalls Gitarren herzustellen. Dies führte zu einem langwierigen Privilegienstreit zwischen der Geigenmacher- und der Tischler-Innung (1807–1832).
Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das obere Vogtland durch den Ausbau der weltweiten Handelsbeziehungen zu einem der führenden Zentren des mitteleuropäischen Gitarrenbaus. Es sind keine genauen Zahlen bekannt, wie viele Handwerker hier insgesamt im Gitarrenbau tätig waren. Abgesehen von der ebenfalls stark wachsenden Zulieferindustrie ist jedoch davon auszugehen, dass es bis zum Ersten Weltkrieg im Vogtland schon mehr als zweihundert kleine und größere Werkstätten gegeben haben muss, die Gitarren herstellten.
Aufgrund des von den Verlegern dominierten Systems von Herstellung und Handel arbeiteten die Gitarrenmacher (wie auch die meisten anderen Musikinstrumentenbauer aus dieser Region) zum überwiegenden Teil anonym, weswegen es kaum vogtländische Gitarren mit dem Signet ihres tatsächlichen Herstellers gibt. Mit dem Verkauf an den Händler trat der Instrumentenbauer automatisch auch seine Urheberansprüche ab. Diese generelle Praxis führte wiederum dazu, dass die Herkunft dieser Instrumente, die in alle Welt verschickt wurden, oft gar nicht bekannt war und der vogtländische Gitarrenbau somit nicht die ihm eigentlich zustehende Anerkennung entwickeln konnte.
Einerseits machte der Handel das Vogtland zu einem der wichtigsten Zentren des mitteleuropäischen Gitarrenbaus im 19. Jahrhundert, andererseits führte die Praxis des Vertriebes und die Anonymität der Instrumente jedoch auch dazu, dass der Gitarrenbau dieser gesamten Region kein nachhaltiges Renommee entwickeln konnte und in der historischen Betrachtung – völlig zu Unrecht – heute kaum Beachtung findet.


